|
"Homo occidentalis" ist im JULI 2011 auf PLATZ 2 der SACHBUCHBESTENLISTE der Süddeutschen Zeitung / NDR
Arno Bammé
Homo occidentalis
Von der Anschauung zur Bemächtigung der Welt
Zäsuren abendländischer Epistemologie
960 Seiten, gebunden
1. Auflage 2011
ISBN 978-3-942393-03-4
Arno Bammé geht es in diesem Buch darum, die sozialhistorischen Wurzeln der gegenwärtigen Problematik im Verhältnis Natur/Gesellschaft/Wissenschaft/Technik deutlich zu machen. Ausgangspunkt seiner Argumentation ist David Bloors Edinburgh Strong Programme, demzufolge auch der »hard core« der Wissenschaft sozialen Ursprungs ist. Sein Ziel ist es, der tatsächlichen historischen Entwicklung, die sehr chaotisch verlaufen ist, soziologisch eine Struktur zu geben – in Form dreier Zäsuren, wobei das Wechselverhältnis von Wissenschaft, Technik und Gesellschaft im Vordergrund steht.
Die erste Zäsur, das griechische Mirakel, zeichnet sich dadurch aus, dass die Beziehungen der Menschen zueinander, gemeinhin die Gesellschaft, auf eine rationale Basis gestellt werden. Erstmals in der Geschichte beherrschten abstraktes Denken, Behauptung, Diskussion und Beweis die zwischenmenschliche Kommunikation, und ihr Ziel war die Wahrheitsfindung. Das aber, was die Griechen in diesem Zusammenhang als Gesetz bezeichneten, bezog sich allein auf Soziales, nicht auf Natur. Sozialökonomische Grundlage ist die Entstehung eines äußeren Marktes, einer Warenproduktion in ersten Ansätzen. Stichworte und Personifizierung hierfür sind Verrechtlichung, gemünztes Geld, Alphabet-Schrift, Odysseus, Archilochos.
Die zweite Zäsur, das europäische Mirakel, zeichnet sich dadurch aus, dass die Beziehungen der Menschen zur Natur auf eine rationale Basis gestellt werden. Es entsteht ein innerer Markt, der die Arbeitskraft des Menschen und Grund und Boden zur Ware macht, und auf die Produktion selbst zurückschlägt. Parallel dazu entsteht als Fortsetzung der griechischen Protowissenschaft eine (Natur-)Wissenschaft, die durch Axiomatik und Empirie (messendes Experiment) gekennzeichnet ist. Stichworte und Personifizierung hierfür sind die große Industrie, das Labor, Robinson, Newton (nicht so sehr Galileo und Bacon), Marx.
In der dritten Zäsur, in der Gesellschaft und Natur zu einem Hybrid verschmelzen, werden die Beziehungen der Menschen zu diesem Hybrid auf eine rationale Basis gestellt. Die Gesellschaft selbst, nenne man sie nun »Wissensgesellschaft«, »Umwelt« oder »Weltgesellschaft«, wird zum Labor, zum Experimentierfeld. Ob Tschernobyl, Ozonloch oder BSE, in allen Fällen hat die traditionelle Unterscheidung zwischen Grundlagenforschung und angewandter Wissenschaft an Bedeutung verloren. Wissenschaftliche Experimente haben die geschlossenen Räume der Laboratorien verlassen. Sie werden heute im Maßstab 1:1 und in Echtzeit durchgeführt.
Das Verhältnis von Wissenschaft, Technik und Gesellschaft wird ausgehend von Max Webers Rationalitätskonzept als Implikationsverhältnis von Individuum und Gesellschaft (Psycho- und Soziogenese) entwickelt. Mit dem Schwerpunkt, der auf der Entfaltung kognitiver Strukturen (Piaget) sowohl im Individuum als auch in der Gesellschaft liegt, werden Gemeinsamkeiten und Unterschiede der drei Zäsuren als Momente eines sozialhistorischen Entwicklungsprozesses dargestellt, um David Bloors erkenntnistheoretischen Anspruch einzulösen und die gegenwärtige Kontroverse um akademische und postakademische Wissenschaft als Zwischenstufe dieser Entwicklung zu deuten.
Ausführliche Informationen » (pdf)
Inhaltsverzeichnis » (pdf)
Dieser Titel ist im Verlag Humanities Online als E-Book erhältlich »
AUTOR
Arno Bammé, Jahrgang 1944, ist Ordentlicher Universitätsprofessor an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt (Kärnten), Vorstand des Instituts für Technik- und Wissenschaftsforschung an der Fakultät für interdisziplinäre Forschung und Fortbildung, Direktor des Institute for Advanced Studies on Science, Technology and Society in Graz (Steiermark).
Link zum Autor »
REZENSIONEN
«Für dieses Buch braucht man einen langen Atem und viel Sitzfleisch. Knapp tausend Seiten anspruchsvoller Wissenschaftsprosa wollen erst einmal durchgearbeitet werden. Aber dann erlebt der Leser, sofern er sich auf den Gedankengang des Autors einlässt, eine angenehme Überraschung: Der Weg ist bereits das Ziel. (...) Die großartige Leistung von Bammés Studie besteht (...) darin, dass sie in souveräner Synopse zusammenführt und integriert.(...) Arno Bammés große Erzählung kann deshalb als gelungenes Exempel dafür gelten, was ein inzwischen aus der Mode gekommener geschichtsmaterialistischer Ansatz auch heute noch zu leisten vermag.»
Süddeutsche Zeitung, 13.1.2012, Hans-Martin Lohmann
«Auf die Schiffe, ihr Philosophen«, forderte Friedrich Nietzsche wie immer vorausahnend. Doch diese Apokalypse könnte selbst seefahrbereite Epistemologen und mutige Wissenschaftssoziologen überfordern, wenn Techno-Dynamiken entfaltet werden, die nicht mal schwankenden Grund bieten. Bis dahin lesen wir mit guten Gründen Arno Bammé…».
Glanz & Elend, Magazin für Literatur und Zeitkritik, 11/2011, Goedart Palm
«Mächtig Eindruck hat Arno Bammés knapp tausend Seiten umfassende Studie über die Genealogie abendländischer Rationalität auf Jochen Hörisch gemacht. Er attestiert dem Autor, alles, was von Heraklit über Hegel und Max Weber bis Luhmann zum Thema gedacht wurde, kundig und konzentriert darzustellen. (...) Sein Fazit: ein Werk, das das "Zeug zum Klassiker" hat.»
aus: Perlentaucher, Rezension NZZ vom 16.7.2011., Jochen Hörisch
|