Peter Fuchs
Das Gehirn ist genauso doof wie die Milz
im Gespräch mit Markus Heidingsfelder , Gäste: Maren Lehmann, Dirk Baecker, Cristoph Biermann, Olaf Maaß
VORBEMERKUNG
Ich weiß nicht genau, wie es zu diesem Buch gekommen ist. Ich lernte Peter Fuchs, von dem ich da und dort etwas gehört hatte, bei Gelegenheit eines Interviews kennen, das ich mit ihm durchführen wollte, aber nicht eigentlich durchgeführt habe, obwohl es stattgefunden hat. Ich kam mir vor wie jemand, der als Anreger für Antworten auftritt, zu denen die Fragen erst gefunden werden mussten. Manchmal schien es mir, als sei ich in eine Inszenierung verwickelt wie ein Regisseur, dem die Fäden fortwährend aus der Hand genommen werden von einem Autor, der das Stück schreibt, während es aufgeführt wird. Fuchs ist ein Meister der Kunst, sich zu entziehen. Er ist bei allem Humor, den er bei jeder Gelegenheit aufzustecken weiß, ein gnadenloser Auf-die-Sache-hin-Umlenker. Man könnte das eine seltsame ›Ungeselligkeit‹ nennen. Wo immer ich mit ihm sprach, worauf immer ich ihn ansprach, ich konnte mich darauf verlassen, dass er gleichsam aufleuchtete, wenn es um etwas, wenn es um ein Thema ging. Drohte konventionalisierte Kommunikation, das Floskelwerk des Alltags, schien er schlagartig von einer dumpfen Melancholie befallen zu werden, die so ansteckend wirkt, dass man froh ist, wenn einem etwas einfällt, wozu sich sachhaltig etwas sagen lässt. Dabei entsteht oder entstand bei mir der Eindruck, dass ich unter den zwar nirgends expliziten, aber ständig gefühlten Druck eines Souveränitätsverlustes geriet.
Und da ich das nicht mag, kam ich auf die Idee, viel ausgedehnter mit Peter Fuchs zu reden, auf die Idee einer Exploration, auf die er – wenn auch widerwillig – einging.
Mein Plan war es, eine Art Topologie zu bauen, ihn und mich an Orte zu verfügen, an denen sich etwas ›finden‹ oder – wie in der klassischen Gedächtniskunst – etwas ›wieder finden‹ ließe. Sich an diese Orte zu verfügen, das sollte dazu führen, dass die Orte darüber verfügen, wohin sich das Gespräch begeben kann, was sich bei ihm er-örtern lässt. Umweltverlagerungen, wenn man terminologisch auf die Systemtheorie anspielen will, die aber dann – jedenfalls in der Version, die Fuchs betreibt – wohl eher von Systemverlagerung oder gar von einer verschobenen Differentialität reden würde. Natürlich setzte ich auf die Form der Interaktion, auf die Dichte und Schnelligkeit, in der Kommunikation unter der Bedingung scheinbarer Präsenz stattfindet, in der Beobachtung und Gegenbeobachtung und Gegengegenbeobachtung und Beobachtungsbeachtung sich so verknoten, dass Reflexionsaufschübe unterbleiben müssen. Hic Rhodus, hic salta! – das war die Herausforderung, die ich für Peter Fuchs und für mich entwickeln wollte.
Etwas anderes kam heraus, eine andere Topologie. Wir verfügten uns an Orte, aber die Orte verfügten, dass durch ganz andere ›Örter‹ hindurchgegangen wurde. Das Interview wurde ein Schweif- und Abschweifgespräch, eine Serie von Exkursen, und erst spät bemerkte ich, dass Fuchs (und hier ist: nomen omen) der schieren Exkursivität einen Plan untermogelt hatte, eine Dramaturgie, der ich zunächst verfiel, ehe ich sie adaptierte – als passend für diese ungeselligen Passagen durch die Dschungel der Modernität.
Daß wir uns bei unseren Gästen herzlichst bedanken, das versteht sich von selbst.
Markus Heidingsfelder
20.04.2004, Utting am Ammersee
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