Home
Novitäten Verlagsprogramm Warenkorb Verlag Partner Magazin

Kurzbeschreibung
ausführliche Informationen
Herausgeber Inhaltsverzeichnis Rezensionen


Herausgegeben von:

Priska Gisler
Michael Guggenheim
Christian Pohl
Helga Nowotny

Imaginierte Laien.

Die Macht der Vorstellung in wissenschaftlichen Expertisen

1. Einführung
Priska Gisler, Michael Guggenheim, Alessandro Maranta, Helga Nowotny, Christian Pohl

2. Eine Theorie der imaginierten Laien
Priska Gisler, Michael Guggenheim, Alessandro Maranta, Helga Nowotny, Christian Pohl

Wissen, das an den Rändern des Wissenschaftssystems produziert wird, ist oft mit Blick auf eine breitere Oeffentlichkeit verfasst, die für die wissenschaftlichen ExpertInnen direkt nicht zugänglich ist. Dies führt dazu, dass mit Vorstellungen von potentiellen NutzniesserInnen oder AnwenderInnen im Expertenwissen gearbeitet wird . Es werden daher in den Expertisen Laien imaginiert, die jedoch für die Wahl von Methoden, Theorien, Bildern, Repräsentationen und Rhetoriken entscheidend sind.
Auf die Beschreibung der Laien und deren Positionierung gegenüber wissenschaftlicher Expertise, wie sie in verschiedenen Ansätzen der Wissenschaftsforschung vorgenommen wird, folgt die Herausarbeitung analytischer Kategorien, durch sich imaginierten Laien charakterisieren und differenzieren lassen. In vier empirischenFallstudien, die in Kapitel 2-5 vorgestellt werden, kommen diese Kategorien zum Tragen.
Abschliessend werden die Ergebnisse der theoretischen Ueberlegungen und ihrer empirischen Einbettung mit den gegenwärtig laufenden Debatten über Wissenschaft und Oeffentlichkeit konfrontiert.

3. Imaginierte BesucherInnen von Grossforschungsinstitutionen
Priska Gisler

Erkenntnisproduzierende Grossorganisationen stehen heute zunehmend unter Druck ihr Tun in einem politischen Kontext zu legitimieren. Durch Ausstellungen, in denen das von ihnen erzeugte wissenschaftlich-technische Fachwissen öffentlich zugänglich gemacht werden soll, suchen Forschungsorganisationen durch "Technologien der Selbstdarstellung" ihre Eigendefinition zu verändern. In einem ersten Schritt wird das Spektrum möglicher BesucherInnen aufgezeigt, das in verschiedenen Konzeptionen des „Dialogs mit der Öffentlichkeit" enthalten ist. Die BesucherInnen müssen bereits bei der Vorbereitung von Ausstellung über Wissenschaft imaginiert werden, da sie die Ausstellungen nach deren Eröffnung zwar sehen, aber nicht verändern können.
Forschende bringen ihre eigenen, individualisierten Erfahrungen mit, wenn es darum geht, wie das Publikum ihre Forschungstätigkeiten wahrnehmen soll. Sie verzichten auf Vereinfachung und erschliessen das, was die imaginierten zukünftigen BesucherInnen sehen sollen, von ihrem persönlichen Engagements her. Die Organisation muss sich auf bestimmte wissenschafts- oder bildungspolitische Vorgaben einlassen, wenn die BesucherInnen nicht von vornherein wegbleiben sollen.
Exponate werden in diesem Zusammenhang zu Emblemen für Experimente. Die für die BesucherInnen gedachten Führungen strukturieren die Erfahrungen der MitarbeiterInnen neu. Obwohl die Selbstdokumentation an ein Publikum gerichtet ist, dient sie nicht zuletzt der Identitätsbildung von WissenschaftlerInnen im erweiterten öffentlichem Raum.


4. Von Nah und Fern. Wie sich Umweltdienstleistungsfirmen Laien vorstellen.
Michael Guggenheim

Anhand von ethnographischen Feldforschungen in zwei unterschiedlichen Umweltdienstleistungsfirmen wird untersucht, wie sich privatwirtschaftliche UmweltexpertInnen Laien vorstellen. Im ersten Beispiel geht es um eine ökologische und wasserwirtschaftliche Aufwertung eines Flusses, im zweiten um die Evaluation von lokalen Agenden 21. Dabei zeigt sich, dass die jeweils sehr unterschiedliche Konzeption der Laien, die auf die Firmenkultur und nicht auf Projektinhalte zurückzuführen ist, zu sehr unterschiedlichen Folgen für die Projekte führt. Im ersten Fall wird die Arbeit möglichst technisiert und die Laien auf die Rolle als entschädigungsfordernde Anwohner reduziert. Deshalb droht dauernd die Gefahr, dass diese auf politischen Protest umstellen. Sie werden ferngehalten und auf einzelne Funktionen reduziert, dies macht sie aber auch unberechenbar. Im zweiten Fall werden die Laien als politische Akteure imaginiert. Das Problem besteht dann darin, dass sie als solche den widersprüchlichen Anliegen des Projekts, Partizipation und Umweltschutz, nicht unbedingt folgen werden.

5. Ungehorsame imaginierte Laien im integrated assessment – zwei Fallbeispiele aus der transdisziplinären Umweltforschung
Christian Pohl

In der transdisziplinären Umweltforschung wurde in den letzten Jahren der partizipative Einbezug der ‚user’ in den Forschungsprozess zunehmend wichtiger. Anhand einer Analyse zweier entsprechender Projekte wird der konkreten Umsetzung der Partizipation und den dabei auftretenden Problemen nachgegangen. In beiden Projekten wurden Laien einbezogen, um ein integrated assessment durchzuführen. Dass heisst, dass die Wissenschaft bezüglich einer bestimmten Umweltbelastung Fakten liefert, die von den Laien bewertet werden, um so zu einer gemeinsamen Einschätzung der Situation und allfälliger Lösungsoptionen zu gelangen. In keinem der Projekte konnte das integrated assessment am Sinne der Methode abgeschlossen werden. Im ersten Projekt, in dem es um schwermetallbelastete Böden ging, wurde der Fragebogen, mit dem die Bewertung erhoben werden sollte, zu willkommenem Öl auf dem Feuer derjenigen Gemeindemitglieder, welche vermuteten, dass ihnen eine gefährliche Belastung vorenthalten wurde. Im anderen Falle gaben die Laien die Frage nach der Bewertung an die Wissenschafter zurück und forderten diese auf, sich politisch für ihr Anliegen einzusetzen. Der Hauptgrund für die misslungene Partizipation ist darin zu suchen, dass der IL, welcher dem integrated assessment zugrunde liegt, weder den Artikulationsmöglichkeiten noch der konzeptionellen und materiellen Ausstattung der IL in ausreichendem Masse Rechnung trägt.

6. Was KonsumentInnen tatsächlich wissen wollen: Zur Festlegung der „wahren Beschaffenheit“ gentechnisch veränderter Lebensmittel
Alessandro Maranta

Die Fallstudie untersucht die Anpassung der Kennzeichnungspflicht für gentechnisch veränderte Lebensmittel durch die Behörden, die eine Limite von einem Massenprozent einführte. Auf diese Weise sollte allein die “wahre Beschaffenheit” dieser Lebensmittel gekennzeichnet werden, und der Hinweis auf der Verpackung sollte dem erwarteten Informationsbedürfnis der KonsumentInnen gerecht werden. In den Aushandlungen zwischen Behörden, Lebensmittelproduzenten sowie Umweltschutz- und Konsumentenschutzorganisationen, die diese Revision begleitete, wurden gleichzeitig die KonsumentInnen imaginiert und gentechnisch veränderte Lebensmittel normiert. Die Analyse der Revision zeigt, dass das Problem im Weltmarkt verortet wird, in dem Spuren gentechnisch veränderten Materials als unvermeidlich gelten. Entsprechend werden die KonsumentInnen in diesen Handlungszusammenhängen vorgestellt. Entgegen der Annahme, dass die KonsumentInnen von aussen den Markt beeinflussen, können sie die Steuerungsfunktion nur wahrnehmen, wenn sie durch Zuschreibungen an imaginierte KonsumentInnen in die Handlungsordnungen integriert werden. Kontroversen um die „wahren“ Beschaffenheiten werden nicht mit den „wahren“ KonsumentInnen geführt sondern anhand von gegensätzlichen Zuschreibungen öffentlich inszeniert.

7. Der imaginierte Dialog zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit. Von imaginierten Laien zur sozialen Robustheit von Wissen
Helga Nowotny

Laien, die einst durch eine grosse Kluft von den Experten getrennt waren, sind mittlerweile durch politische Veränderungen, die mehr Engagement der Wissenschaft mit der Öffentlichkeit, ja sogar eine ‘Demokratisierung von Expertise’ fordern, allgegenwärtig geworden. Im letzten Kapitel wird auf die wesentlichen Ergebnisse der empirischen Fallstudien zurückgegriffen um die imaginierten Laien in einen grösseren Kontext zu stellen. Dieser ist durch eine doppelte Asymmetrie gekennzeichnet: einer epistemischen, in der die Experten dominieren und einer normativen, die den Laien, wenn sie den Experten ihre Loyalität aufkündigen, offen steht und sie ermächtigt, politische Forderungen an die Experten zu stellen. Auf dem Hintergrund dieser Analyse erscheint auch der Dialog von Wissenschaft und Oeffentlichkeit als ein (notwendigerweise) imaginierter, der dennoch wichtige soziale Funktionen erfüllt. Abschliessend werden diese Befunde mit dem Begriff des sozial robusten Wissens konfrontiert, der dadurch eine institutionelle Erweiterung erfährt.

220 Seiten, broschiert, € 24,- / sFr 42.30 Digitale Ausgabe (PDF) im Verlag Humanities Online (www.humanities-online.de)
1. Auflage 2004

ISBN 3-934730-79-5
ISBN 978-3-934730-79-3
in den Warenkorb



jetzt reinlesen »