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Peter Fuchs

Die Psyche

Studien zur Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt

Die Provokation

Es ist zunächst und allem Herkommen nach bedenklich, wenn die Soziologie ausgreift auf Nachbardisziplinen und wie aus heiterem Himmel Analysen startet, die sich mit dem, was man das Psychische nennt, auseinandersetzen, vor allem, wenn es nicht darum geht, soziale Konditionen psychischer Prozesse zu untersuchen, sondern etwas über das Psychische so zu sagen, daß es wie ein Forschungsgegenstand sui generis erscheint, als etwas, das eigentlich unverbrüchlich in den Einzugsbereich der Psychologie gehört und nun – horribile dictu – von einer systemtheoretisch inspirierten Soziologie vereinnahmt werden soll.

Allerdings ist seit einiger Zeit das Bild einer klar gegliederten Landschaft von Disziplinen, die sich (und aus einst guten Gründen) gegeneinander strikt absetzen, ohnehin getrübt. Man spricht beispielsweise von Inter- und Transdisziplinarität und kann das wohl auch ungefährdet tun, da der Raum des Inter und des Trans als Zwischen- und Hinüberraum gedacht wird, der die Propria der Fächer, die ihn umstellen, nicht wesentlich berührt. Man gestattet sich zwar lizensierte (mitunter ausgesprochen modisch einherkommende) Übergriffe, aber bei alledem bleibt klar, wer für was genuin zuständig ist. Gefahr könnte nur ausgehen von Theorien, die – auf der Basis schärfster Abstraktionen – keine Disziplin halten können und Begriffe entwickeln, die nicht an die Residenzen der unterschiedlichen Wissenschaften gebunden sind. Diese Bindungslosigkeit wäre dann nicht der Effekt frei vagabundierender Intellektualität, die sich den Nektar, den sie benötigt, von den verschiedensten Blumen besorgt und mit Mischhonig hausieren geht, sondern das Ergebnis strengster Begriffsbildung selbst.

Genau das ist der Fall mit der neueren soziologischen Systemtheorie. Sie bildet einerseits Grundbegriffe (wie etwa Sinn, Medium/Form, strukturelle Kopplung, Interpenetration etc.) heran, die für alle Sinnsysteme gelten sollen; andererseits wird sie schon in ihrer Hauptunterscheidung, die ihr primum movens darstellt, nämlich System/Umwelt, in einem fort verwiesen auf eine Außenseite (Umwelt), ohne die es keinen Sinn machen würde, von einer Innenseite (System) zu sprechen. Es ist schließlich eine der zentralen Abstraktionen der Theorie, daß man Systeme – jedenfalls dann, wenn sie als sinnbasiert begriffen werden – nicht auffassen kann als Lagen, Räume, Dinge, als Gegeben- und Vorhandenheiten, sondern immer nur: als Differenzen eigentümlicher Art. Ein System ist das, was es ist, durch das, was es nicht ist, und das, was es nicht ist, ist das, was es ist: durch das System. Weder System noch Umwelt sind ohne einander irgendetwas. Man kann also auch sagen, daß das System nicht ausgedrückt ist durch das Zeichen System und nicht durch das Zeichen Umwelt, sondern durch das Zeichen der Differenz, durch die Barre in: System/Umwelt.

Eine Barre ist aber kein Ding, kein Moment der Welt als ein Etwas, auf das sich zeigen ließe anders als nur auf ein Zeichen. Sie ist kein Objekt, das als Forschungsgegenstand in klassisch cartesischer Manier aufgegriffen werden könnte. Sie ist nichts als die Markierung eines Unjekts. Oder – wie man es auch formulieren könnte: die Markierung einer konditionierten Koproduktion. Darunter kann man die laufende ›Ver-zweiung‹ einer Einheit verstehn, bei der es keine Eins ohne die Zwei gäbe ohne beides: die Eins und die Zwei. Das System ist so wenig wie die Umwelt ein sui-suffizientes Arrangement. Formal läßt sich dieser Umstand markieren als: S = S/U, eine Notation, die zeigt, daß der Einheitsbegriff der Differenz (System) noch einmal in der Differenz auftritt, ein Wiedereintritt der Einheit in das, was sie unterscheidet, so daß der Systembegriff (ebendies verdeutlicht die Formel) allen Problemen der Rekursion und der Nicht-Selbigkeit des Selben anheimzufallen scheint. Inhaltlich läßt sich formulieren, daß das System (diese Einheit) die fortlaufende Reproduktion derselben Differenz ist, immer derselben Differenz.

Daß es um Differenzen-im-Betrieb geht, schließt allemal nicht aus, daß man aus spezifischen Forschungsinteressen heraus (die Interessen disziplinärer Art sein können) die Seite des Systems in der Unterscheidung System/Umwelt favorisiert und sich so verhält, als seien Systeme monotone und isolierbare Singularitäten. Man kann also durchaus sagen, daß man die Gesellschaft, ein Funktionssystem, eine Organisation analysiert und dabei erhebliche Erkenntnisgewinne einfährt. Sobald man sich aber hineinbegibt in den Bereich grundbegrifflicher Dispositionen, läßt sich nicht davon absehen, daß ein System die Umwelt definiert, durch die es definiert ist. Es ist bestimmt durch eine Alterität, die die seine ist, ohne die seine zu sein.

In der grundbegrifflichen Abstraktionslage kann man nicht mehr (wie in einer sonst durchaus sinnvollen, methodologischen Ignoranz) ausklammern, daß soziale Systeme ebenso wie psychische Systeme differentiell konstituiert sind. Das, was sonst ausgeklammert wird, muß eingeklammert werden, in diesem Fall also, daß die Barre der Differenz des Systems soziale und psychische Systeme sprachlich (zeichentechnisch) separiert, aber zugleich besagt, daß das Soziale, ohne je psychisch zu sein, so durch Psychisches ist wie das Psychische, ohne je sozial zu sein, durch das Soziale ist.

Dieser verschachtelte Chiasmus ist nun mehr als ärgerlich. Er behauptet, wenn man ihn genau nimmt (und dazu sind wir entschlossen), daß das, was wir in der europäischen Tradition sorgsam getrennt halten (den Selbststand des Psychischen und – seit einiger Zeit auch – den Selbststand des Sozialen), nicht mehr sorglos getrennt halten können. Da koinzidiert etwas auf eine seltsame (ja erschreckende) Weise. Es droht eine coincidentia oppositorum im denkbar genauesten Sinne dieser Wendung. Ein Ineinanderfallen steht zu befürchten, das die nachträgliche Trennung nicht mehr zuläßt, und das kann Angst machen, vielleicht aber doch in jenem Heideggerschen Sinn, der die Angst (die Langeweile und die Einsamkeit) als Chance zur Freiheit deutet.

Die folgenden Überlegungen nehmen sich diese Freiheit. Wenn es sich so verhält, daß Systeme nur als Differenzen aufgefaßt werden können, dann müßte das Psychische (als etwas an und für sich) schlicht verdunsten, wie umgekehrt das Soziale (als etwas an und für sich) sich nicht mehr als Unikat, als originäre Realität behaupten ließe, wenn dieses Psychische verschwände. Wahrscheinlich würden keine Sorgen aufkommen, wenn man sich entschlösse, das Soziale als das Unselbstständige zu konzipieren, aber der Inversionsfall, die Annahme, daß das Psychische unselbstständig und abgeleitet, nicht-singulär und abhängig bis in seine feinsten Verästelungen sei von Prozessen und Strukturen, die nicht die seinen sind, das ist die eigentliche Provokation. Sie scheint zu bedeuten, daß es ›uns‹ nicht in dem Verständnis gäbe, wie wir ›uns‹ das in einer langen Geschichte vorgestellt haben. Wir wären etwas ganz anderes, so etwas wie kurios fungierende Alteritäten, die nur sehr künstlich als ich, wir, als Subjekt oder Individuum gedacht werden könnten.

Ebendieser Provokation soll nachgegangen werden. Der Testfall ist das für die Disziplin der Soziologie methodologisch Fremde, die Psyche, die daraufhin geprüft wird, ob sie den Artikel verdient, der sie zum Nomen und damit subjekt- und objektfähig macht. Dabei ist das eigentliche Textproblem die ausgezeichnete Stellung, die die Nominalisierung dem Wort Psyche verleiht. Sie läßt sich nicht vermeiden und nicht unentwegt in einer Art Palimpsest dementieren. Konditionierte Koproduktion ist nicht aufschreibbar. Sie läßt sich nur sequentiell darstellen im Nacheinander der Wörter, Sätze, Abschnitte, Kapitel. Aber das ist nur eine vergleichsweise harmlose Schwierigkeit, der man durch Appelle ans Gedächtnis beikommen kann.

Um vieles problematischer ist, daß an jeder Stelle des Textes die Form von Sinn schon in Betrieb ist, oder besser – da der Text keinen Sinn hat – vom Rezipienten in Betrieb genommen wird. Sinnsysteme sind Sinn-Insider, sie können den Sinn nicht verlassen. Sie sind eingebettet in eine Sinnwelt, in der das, was wahrgenommen, erlebt, gefühlt, bezeichnet werden kann, immer schon präfiguriert ist. Sie können nicht auf sich selbst referieren, ohne im Apriori der Sinnwelt zu stehen. Oder anders: Sie können Selbstreferenz nur durch Brechung in einem Medium realisieren, das gerade nicht ein Selbst ist, sondern nur die Figur, die das Zeichen eines Selbst zu denken, zu sagen, zu schreiben gestattet. Wer über das Psychische schreibt oder darüber etwas liest, liest und schreibt – nichts sonst. Und das gilt auch für alle Sätze dieses Buches: Von Anfang an ist es eingezwirbelt in Sinn. Es zeigt nicht das Psychische, es führt es nicht vor, es ist in keiner Zeile. Und niemand könnte vortreten und das Psychische in einer demonstratio ad occulos vorweisen. Es bleibt nichts als der Aufforderung Spencer-Browns zu folgen: Triff eine Unterscheidung! Draw a distinction! – und wenn man diesen seltsamen Imperativ paraphrasieren will, so bliebe nur: Du hast keine Wahl, es ist zu unterscheiden.

Leider ist der Auswahlbereich der Unterscheidungen, mit denen die Arbeit beginnen könnte, wenn sie sich des Psychischen annimmt, unfaßbar groß. Über das Psychische ist nicht nur unendlich viel geschrieben worden, es ist auch in Texten, die es nicht zum ›Gegenstand‹ haben, stillschweigend vorausgesetzt. Das erzwingt eine äußerste Ridigität im Ausblenden, härteste Askese also, und das bedeutet: extreme Abstraktion, wenn man sich der Ausgangbedeutung des Wortes Abstrahieren vergewissert, die im Felde des Abziehens, des Weglassens, des Absehens situiert ist. Wer eine Absicht verfolgt, sieht – das sagt das Wort Absicht so gut wie das Wort Aspekt – von vielem anderen ab, und die Frage ist nur, ob dieses Absehen und Abziehen Ausdruck zu schätzender Bescheidenheit oder Ausdruck einer schier unglaublichen Arroganz oder gar Ausdruck einer arroganten Bescheidenheit ist.

Das ist freilich eine der Fragen, die die Innenwelt des Psychischen schon voraussetzen oder zumindest ein Verhalten unterstellen, das als arrogant oder bescheiden erscheinen kann und in dieser Erscheinung Symptom innerer Zustände ist, denen Arroganz oder Bescheidenheit anhaften kann wie klassische Eigenschaften einer (verborgenen, aber evidenten) Substanz. Aber es ist ja diese Annahme, die in einem nachgerade verschärftem cartesischen Duktus dem Zweifel ausgesetzt werden soll. Die Lösung jenes alten Zweifels war ein gleichsam ehernes »Cogito, ergo sum.« Auch diese Lösung wurde aber schon unmittelbar nach ihrem Erscheinen in den Denksäuren der Moderne aufgelöst: in ein »Es denkt, es ist.« Dann in ein: »Denken – Sein.« Und in ein: »Denken – Sein.« Und in ein: »Denken – Sein.« Vom 18. Jahrhundert an bietet sich die Möglichkeit, auf das Gefühl auszuweichen: »Ich fühle, ich bin.« Goethe macht aus dieser Herder-Idee: »Gefühl ist alles:« Später sieht man, daß hier ein Sprachspiel gespielt wird, dann, daß dieses Spiel an die Matrix der Zeichen geknüpft ist, in der nichts ist, was es ist, ohne Differenz zu anderen Zeichen. Doch die Idee, daß da ein Binnenraum, ein psychisches Innen ist, ließ sich nicht demontieren, und Sigmund Freud lieferte dafür die Plausibilitäten, indem er diesen Innenraum in der Figur des Unbewußten zugriffsresistent macht, eine Resistenz, gegen die Jacques Lacan anstürmt, wenn er das Subjekt (nach dem Tod der Subjektphilosophie) endgültig gleiten läßt in der Kette der Signifikanten, von Derrida gar nicht zu reden, für den es keine »textfreie« Psyche gibt.

Gleichwohl finden sich noch immer Psychologen, Psychotherapeutinnen, Seelen- und Binnenkundige, die mit der Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt etwas anzufangen wissen oder jedenfalls ihr Dasein damit fristen können, daß die Existenz dieser Innenwelt (wider alle Einsprüche) sozial als superevident behandelt wird. Wer mit anderen zusammen die Goldbergvariationen hört, hat keinen Zweifel daran, daß er sie trotz aller anderen allein in sich, daß er sie als psychischer Solitär hört, als Singularität und in einzigartiger (monadischer) Einsamkeit, in der er Glenn Goulds frühe und späte Einspielungen ebendieser Variationen inwendig so vergleicht, als ob dieser Vergleich nicht sozial nahegelegt worden wäre. Diese Superevidenz ist jedenfalls nicht ernsthaft angreifbar, wie es scheint, und wer sie dennoch angreift, kann zwar wegen brillianter Spekulationen, die sich genießen lassen, bewundert werden, aber in Wahrheit ist alles anders, schlicht und evident anders: Die Psyche ist eine Tatsache, nach deren Beschaffenheit man zwar fragen kann. Entsprechender Theorie- und Modellbau ist zulässig und erwünscht. Aber das zugrunde liegende ›Original‹ ist nicht verhandelbar, weil jeder und jede intimen Umgang mit seiner eigenen Psyche pflegt, direkt, wie es scheint, also umwegsfrei.

Wenn man das bestreitet und etwa behauptet, die Psyche sei eine Pseudo-Angelegenheit, ein Pseudonym für ein zum ›Semi-Ich verdichtetes Sozialfeld‹, ist es, als leugne man das Wesentliche dessen, der einem gegenübersitzt, seine Existenz, die auf ein ›Mehr-Sein‹ hinausläuft, auf ein mehr, als nur ein bewegungsfähiger Haufen Knochen, Fleisch, Bindegewebe und jede Menge Wasser zu sein. Der Vorwurf des Leugnens wäre nicht einmal ungerechtfertigt, denn eine Theorie kann nicht eine Theorie von Singularitäten sein. Es wäre ein schwerer handwerklicher Fehler (der aber nicht selten gemacht wird), wenn man annähme, eine Theorie könnte die Theorie der individuellen Psyche eines Menschen sein. Und noch schlimmer wäre es, wenn man im Blick auf diesen einen Menschen auch noch meint, theoretisch sagen zu können, ob er oder ob er nicht eine Psyche hat oder ist.

Umgekehrt kann man Theorien der Psyche schlecht attackieren vom Bereich individueller Erfahrung und individueller Evidenz aus. Mit solchen (nur scheinbar monadisch erwirtschafteten) Evidenzen lassen sich Theorien weder begründen noch widerlegen. Sonst wären sie kein Zusammenhang konsistenter Abstraktionen und müßten sich einfach generieren lassen aus dem, was die Leute sagen, und die Leute sagen allerlei, aber nichts: Individuelles, denn wer Sprache in Anspruch nimmt, kann über das, was er seine Innenwelt nennen mag, nur das formulieren, wozu ihm die niemals idiosynkratische Sprache die Mittel an die Hand gibt, nicht ein Iota mehr. Er kann nicht anders als von präformierten Zeichen Gebrauch machen, unter anderem vom Zeichen Psyche. Und die soziale Welt, in die es ihn verschlagen hat, bestimmt, wie das Zeichen, wenn es existiert, zu verwenden ist und seinen Sinn im turbulenten Sinngetriebe sinnbasierter Systeme entfalten kann.

Es ist dieser Gesichtspunkt, der in den Studien dieses Buches obsessiv entwickelt wird. Diese Besessenheit zielt nicht darauf, dem Psychischen das Psychische auszutreiben, und überhaupt nicht darauf, das Wort Psyche, das ja wirklich kein in irgendeiner Weise deutlicher Begriff ist, grundsätzlich obsolet zu machen. Die Obsession speist sich aus der Idee, daß es manchmal notwendig sein kann, einen Bogen so zu spannen, daß er entweder bricht oder den Pfeil in eine Weite ausfliegen läßt, die die Qualität des Bogens erweist. Aber einen solchen Bogen kann man nur langsam spannen, Millimeter für Millimeter, und das spiegelt der Text, insofern er – sozusagen: klein bei klein – seine Voraussetzungen in Studien entfaltet, die gesondert voneinander entstanden sind. Die dabei möglichen Überlappungen und Redundanzen wurden nicht getilgt. Sie sind mnemotechnisch sinnvoll.

Provokationen jedenfalls sind Herausforderungen, aber spitzbübischerweise ist ein Provokateur (als agent provocateur) auch ein Lockspitzel und Aufwiegler. Die Theorie ist es, die herausgefordert wird. Ob sie dabei lockspitzelt, das hängt allein und wie immer vom Beobachter ab, aber das Schlechteste wäre es nicht, er würde sich in diese Aufwiegelei verwickeln lassen.

156 Seiten, broschiert, EUR (D) 20,- / sFr 35.50
1. Auflage 2005

ISBN 3-938808-02-0
ISBN 978-3-938808-02-3
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